Das belastende Geburtserlebnis
Leider werden belastende Geburtserlebnisse und ihre Folgen in unserer Gesellschaft immer noch nicht genügend wahrgenommen und verstanden. Das bedeutet auch, dass viele Mütter nicht die Hilfe und Unterstützung erhalten, die sie dringend bräuchten.
Oft ist auch das eigene Umfeld überfordert oder zeigt wenig Verständnis, wenn es der Mutter nach der Geburt nicht gut geht. Die betroffenen Frauen werden in Ihrem Schmerz nicht gesehen, verstehen vielleicht selbst nicht, warum es ihnen so schlecht geht und fühlen sich alleine gelassen.

Die unausgesprochene Erwartung, dass eine Mutter nach der Geburt in erster Linie glücklich und erfüllt sein müsste, lastet auf den Betroffenen. So hören sie vielleicht Aussagen wie «Es ist doch alles gut ausgegangen, Hauptsache das Kind ist gesund», oder «bei meiner Geburt war es noch viel schlimmer…», die das belastende Geburtserlebnis und seine Folgen beschwichtigen und nicht anerkennen.
Rund jede dritte Frau erlebt die Geburt ihres Kindes als traumatisch. Dies kann weitreichende Folgen haben, sowohl auf das emotionale und körperliche Wohlbefinden der Mutter als auch auf die Beziehung zu ihrem Kind und ihrem Partner. Es kann passieren, dass die Frau während der Geburt und auch danach das Gefühl hat, neben sich zu stehen. Sie fühlt sich vielleicht nicht mehr als Teil von dem, was um sie herum passiert und es können in der Folge starke Gefühle von Ohnmacht, Hilflosigkeit, Angst und Wut entstehen.
Ein traumatisches Erleben ist immer subjektiv und wird sehr individuell wahrgenommen. Was für das geburtshilfliche Personal vielleicht eine «Routinegeburt» war, kann von der Frau als eine traumatische Geburt erlebt worden sein. Genauso gilt auch, dass nicht jede schwierige Geburt zwingend zu einem Trauma und zu Traumafolgesymptomen führt. Denn ob sich nach einem belastenden Geburtserlebnis eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt, ist sehr individuell und hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen. Jedes Nervensystem reagiert im Ereignis und auch in der Verarbeitung des Ereignisses unterschiedlich. Die Verarbeitungsfähigkeit hängt stark davon ab, was jemand bisher erlebt hat und wie gross die Resilienz und Stresstoleranz sind.
Wie entsteht ein Trauma?
Ein Ereignis wird dann zum Trauma, wenn es die Bewältigungs- und Verarbeitungskapazitäten unseres Nervensystems übersteigt. Wir erleben dadurch Gefühle von starker Überwältigung, Hilflosigkeit und Ohnmacht. Die daraus folgende Dysregulation des Nervensystems kann zu psychischen Traumafolgestörungen führen, die das Leben der Betroffenen negativ beeinträchtigen.
Eine traumatische Erfahrung wird im Gehirn anders prozessiert als eine nicht traumatische. Das Geschehene wird nicht als vergangen abgespeichert, sondern es fühlt sich für den Körper so an, als bestünde die Gefahr weiterhin.
Vielleicht fragst du dich, ob deine Geburtserfahrung tatsächlich ein Trauma verursacht hat und deine Symptome eine Folge von traumatischem Stress sind?
Ein Geburtstrauma kann entstehen, wenn du während oder nach der Geburt Angst hattest, dich verzweifelt, nicht gesehen oder nicht gehört, verlassen oder alleine gelassen, missverstanden, verletzt oder ohnmächtig gefühlt hast. Medizinische Notfälle oder Probleme bei Mutter und/oder Kind tragen ebenfalls zu traumatischen Stresssymptomen bei.

6 Anzeichen dafür, dass Du deine Geburt als traumatisch erlebt haben könntest:
- Du hattest Angst um das Leben deines Kindes.
- Du kannst dich an wichtige Details deiner Geburt nicht mehr erinnern.
- Du hast dich wie abgeschnitten gefühlt von deinem Körper und von dem was um dich herum passiert ist.
- Du hast dich deiner Würde und deiner Wahlmöglichkeiten beraubt gefühlt und dich nicht unterstützt, nicht gehört, nicht respektiert oder verletzt gefühlt
- Du hast dich alleine gelassen, hilflos, von Angst überflutet oder ausser Kontrolle gefühlt
- Die Kommunikation mit dem Geburtspersonal war mangelhaft, Dinge wurden dir nicht erklärt oder es mussten in einer Notsituation schnell kritische Entscheidungen getroffen werden.

